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Street Art: Lissabon ist die Hauptstadt der Strassenkunst

Kunst, Tourismuswerbung oder Schminke auf Ruinen?

 

Es soll Berliner geben, die kommen nach Lissabon und reiben sich die Augen: Alter, gegen das hier ist Berlin ja richtig sauber und proper! Kann man nachvollziehen: Auch Straßenkünstler, die viel herumkommen, bestätigen, dass die Wände und Fassaden von Lissabon so voller Street Art sind wie in keiner anderen Großstadt – zumindest Europas. Gekrakel, Tags, Bilder, riesige Wand-Gemälde – man geht in der Innenstadt keine paar Meter, ohne auf Straßenkunst zu stoßen.

Und noch etwas ist anders: Die Stadtverwaltung findet das wunderbar. Irgendwie haben die Politiker der Stadt gerochen oder gemerkt, dass die vielen wilde, bunte Bilder Touristen anlocken. Und die bringen bekanntlich Euros und Dollars mit. Was in Portugal, das ja seit einigen Wochen auch offizielle pleite ist, richtig gern gesehen wird. Also wird Street Art zum Ausdruck einer modernen, jungen, offenen Stadt geadelt. Wo die Mauern so bunt sind, muss dahinter doch erst recht das Leben toben.

Street Art-Künstler brauchen sich in Lissabon nicht zu verstecken. Sie müssen nicht im Schutz der Nacht losziehen, stets auf der Hut vor der Polizei. Hier dürfen sie ganz offen sprayen, pinseln und malen. (Während in L.A. zum Beispiel gerade ein bekannter Straßenkünstlern zu 180 Tagen Haft verurteilt wurde – dort gibt es ein Spezialkommando gegen Sprayer, das so martialisch aufttritt, als müssten sie in Bagdad nach dem Rechten sehen.)

 

So tauchen seit Juni letzten Jahres immer neue Werke auf, von kleinen banksy-artigen Figuren bis hin zu gigantischen Wandgemälden, die sich über die Fassaden sechstöckiger Häuser ziehen. Auch dies ist eine offizell geförderte Aktion. Im Auftrag der Stadt organisiert die Agentur Crono ein Jahr lang einen Urban Art Itinerary, einen Weg der Straßenkunst, gestaltet von 16 Künstlern, die aus aller Welt kommen, von Brasilien bis Großbritannien.

Natürlich unterfüttert Crono die Mal- und Spray-Aktionen mit einem künstlerischen Manifest. Egal, wie man das bewertet: Lissabon soll bunter und attraktiver werden. Die alte Stadt am Tejo sucht nach einem – buchstäblich – aufregenden neuen Anstrich. Auch, um Touristen anzulocken.

Ende Januar lobte eine Reisereporterin des englischen Guardian die Aktion in den höchsten Tönen: Lissabon, schrieb Rachel Dixon, sei die Stadt, die man gesehen haben müsse, wenn es um Street Art geht. Breathtaking fand sie die Größe der Werke, die Farben einfach brillant in the busy street.

Sie ist mit ihrer Begeisterung nicht allein. Street Art Blogs, Fanseiten auf Facebook schwärmen von der Stadt und ihrer Szene, von der Freiheit, mit der Künstler hier arbeiten können und von der Wertschätzung, die sie von Galerien und vom Kunstbetrieb erhalte. Bei flickr kann man sich endlos durch entsprechende Bilderstrecken klicken.

Es dauerte keine Woche, da brachte der Guardian einen zweiten Artikel zum Thema. Gar nicht mehr enthusiastisch, dieses Mal. Der Architekt John Chamberlain erlaubte sich, die Euphorie ein wenig zu dämpfen. Hier würden „städtische Schandflecken mit alternativer Kunst verkleidet“, schimpfte er, und das seit nichts weiter als eine Form „offizieller Vernachlässigung“ der Bauprobleme in der Stadt.

Davon gibt es in der Tat einige. 4600 Häuser, rechnete Chamberlain vor. stehen im Stadtzentrum leer. Die Hälfte davon steht vor dem Abriss oder die Abrissgenehmigung ist beantragt. Das historische Zentrum, so Chamberlain, habe gerade noch 10 registrierte Bewohner. Kleine Geschäfte schlössen reihenweise und was den Touristen gefalle, entlocke den Einheimischen bestenfalls ein Schulterzucken.

Der kritische Architekt wünscht sich ökonomische und städtebaullche Impulse statt Sprayern. Nur: Woher sollen die kommen? Portugal hat sich unter die Finanzkuratel der EU geflüchtet. In dieser Situation sind ein paar Farbeimer, Hebebühnen, Gerüste und fleißige kreative junge Leute doch erstmal keine schlechte Investition.

 

 

 

 

 

 

 

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