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Wedding Stories: ein nächtliches Brautpaar in Tamil Nadu, Indien

 

Eins ist klar: Ich kann ja schlecht der wirklich einzige Blog im großen weiten Web bleiben, der gar nichs zum Thema Hochzeit zu sagen hat, jetzt wo angeblich zwei Milliarden Menschen immer noch selig der großen Kate-and-Willie-Weddingsause nachträumen.

Also, hier ist mein Traum-Brautpaar.

Es war 2008 in Tamil Nadu, im Süden Indiens. Wir fuhren von Pondicherry nach Thanjavur und überquerten gerade einen der Flussarme des Kaveri, des „Ganges des Südens“. Die Brücken dort sind mehrere Kilometer lang, schmal und machen den Eindruck, als wären sie das letzte Mal erneuert worden, als Ghandi noch das Spinnrad drehte. Der Verkehr war dicht und irgendwann ging gar nichts mehr. Vorn am Ende der Brücke hatten sich zwei Lastwagen ineinander verhakt, darunter einer, der geschätzte zehn Stockwerke hoch mit Zuckerrohr beladen war.

Und gegenüber, auf der Gegenfahrbahn, kam uns langsam, im Stop-and-Go, ein Bus entgegen. Eines dieser klapprigen und fauchenden Gefährte, die nur noch von Farbe, Hupen und Schweinwerfern zusammen gehalten werden – von sehr vielen Farben. Die Nacht fiel herein, tropisch schnell. Der Bus war leer, bis auf dieses Paar. Wir musterten sie, sie musterten uns. Unser Guide fragte sie durchs offene Fenster, wohin sie reisten.

Sie kamen von einer Hochzeit, antworteten sie. Von ihrer Hochzeit. Und jetzt waren sie auf dem Weg nach Hause. Wo das war, konnten wir nicht herauskriegen. Nur dass sie schon sechs Stunden unterwegs waren und wohl noch die ganze Nacht in diesem Bus vor sich hatten. Ihre Hochzeitsnacht.

Sehr wahrscheinlich fährt der alte Bus immer mit dieser roten Innenbeleuchtung über die Landstraßen Südindiens, aber in diesem Moment tauchte es die Brautleute in ein absolut passendes Licht. Wie fast immer in Indien, freuten sich Braut und Bräutigam über unseren Wunsch sie zu fotografieren. Und wie immer setzen sie sich in Positur, zeigten ihren Stolz, dass diese Westler mir ihren Kameras ausgerechnet sie eines Bildes für würdig befinden. Zeit, ein Stativ aufzubauen, war nicht, der Bus röhrte auf, blies eine ungeheure Abgaswolke hinten raus und rollte wieder an. Das Hochzeitspaar winkte uns nach, der Schmuck der Braut blitzte noch einmal auf, dann verschwanden sie in der Dunkelheit. Wie die Fata Morgana einer ländlichen Hochzeit. Ich grübelte noch ziemlich lange darüber nach, dass das Brautpaar nicht einmal die Zeit, und womöglich auch nicht das Geld, hatte, um wenigstens diese eine Nacht, ihre Nacht, irgendwo in einem Hotel zu verbringen, dass sie gleich nach der Zeremonie und vielleicht einem bescheidenen Festmahl im kleinen Kreis zum Busbahnhof eilen mussten, weil man sie zu Hause erwartete, in ihrem oder seinem Elternhaus, wo man sie dringend brauchte, auf dem Feld, bei der Ernte, in einer staubigen Fabrik, was weiß ich.

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