Tourististan

Deutschland umsonst. Reloaded und mit Facebook

Harald und Paula wandern durch Deutschland. Paula ist ein Hund, so schwarz, dass sie auf Fotos meistens zu einem dunklen Umriss verschwimmt, mit einem hellen Fleck, da wo die Schnauze sitzt. Sie tollt durch Wiesen, schlabbert an Brunnen und oft pennt sie einfach selig und wahrscheinlich, ähem, hundemüde. Harald schleppt einen beachtlichen Rucksack, er scheint alles dabei zu haben, was man auf ein solch einer Mega-Tour so braucht. Alles, außer: Geld.

„Deutschland umsonst RELOADED – zu Fuß und ohne Geld durchs Heimatland“ heißt das Wander-Projekt des Journalisten Harald Braun. Wer die 80er Jahre erlebt hat, wird sich bei dem Titel erinnern: „Deutschland umsonst – zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“, so hieß eines der bekanntesten (und besten) Reportage-Bücher damals. Der junge Reporter Michael Holzach damit einen Aufsehen erregenden Erfolg – und ertrank kurz darauf bei dem Versuch, seinen Hund Feldmann, den er auf der Deutschland-Wanderung dabei gehabt hatte, aus der Emscher zu ziehen (Feldmann überlebte). Das Buch ist bis heute lieferbar, ein Dauerseller.

Eine Neuauflage also, die Harald Braun hier unternimmt, ein Remake. Am 1. Mai ist er mit seiner Paula im bayrischen Süden aufgebrochen, derzeit tigern sie durch die Gegend von Hoffenheim. Er schnorrt sich Schlafplätze und Essen zusammen, ist jeden Tag auf Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft angewiesen, klopft an Türen, haut Menschen auf der Straße an.

Einen Unterschied zur Original-Unternehmung von Michael Holzach gibt es allerdings, einen gravierenden: Heute haben wir das Internet und Facebook. Harald Braun will auf seiner Wanderung auch „soziale Netzwerke und ihre Sinnhaftigkeit als praktisches Nutzwerk“ austesten, wie er auf seinem Blog schreibt. „Wozu hat man denn „Freunde“? Ich finde das jetzt raus.“

Holzachs Buch habe ich seit damals nicht wieder gelesen. In Erinnerung geblieben ist mir eine sehr ernste Erzählung voller Begegnungen mit Menschen, die man in jener Zeit Außenseiter nannte. Ein Außenseiter war wohl auch Michael Holzach selbst, oder er verstand sich selbst so, jedenfalls schlüpft er als mittelloser Wandersmann in diese Rolle, geht auf die Walz, wie ehedem die Handwerksburschen – und betreibt nicht nur Sozialkritik, sondern auch Selbsterforschung, erlebt auf einer anstrengenden Fußreise seine persönliche Reifezeit, eine oft schmerzvolle Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Herkunft.

Was Harald Braun von seinen ersten drei Wochen auf der Straße schildert, liest sich völlig anders. Ihn zieht es nicht zu den Außenseitern – wer wäre das auch in unserer Patchwork-Gesellschaft?. Er spaziert mitten hinein in Dorffeste und Biergärten, in Klein- und Großstädte, in den Alltag mit seinen schrägen und skurrilen Seiten. Dabei gelingen ihm herrliche Szenen und Porträts von Menschen, die er trifft. Das Stuttgarter Pärchen, er ein junger, genussfreudiger Porschefahrer, sie designt schwäbische Reizwäsche – und beide überschütten ihn mit großzügiger Gastfreundschaft.  Der alte Kumpel, früher linker Bohemien in München, jetzt engagierter und ein wenig biederer Familienvater. Der Schrecken, als er im Camp der Stuttgart-21-Gegner übernachten will und in ein „schmuddeliges Veteranentreffen von Goa-Gammlern“ gerät. Oder die harte Nacht, die er sich selbst bereitet, als er sein Zelt auf einer abschüssigen Wiese aufstellt. Dazu gibt es stimmungsvolle Fotos, an den Rändern häufig abgedunkelt, als wären sie mit einer dieser uralten russischen Lomo-Kameras geschossen (vielleicht suppt die schwarze Paula ja deswegen immer so ins Ganzdunkle).

Auch bei Harald Braun soll am Ende ein Buch aus der Deutschland-Wanderung werden. Bis dahin hoffe ich, dass er fleißig weiter bloggt und fotografiert. Es ist die amüsanteste Reiseblog-Lektüre, die man derzeit bekommen kann. Folgen kann man ihm und Paula auch auf Facebook.

Fotos: deutschlandumsonst.wordpress.com

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