Tourististan

Reiseblogger unterwegs (2): Um die Welt und zu sich selbst

Hin und wieder, in sehr loser Folge, stelle ich hier Reiseblogger vor – Menschen, die gerade in irgendeiner Ecke des Erdballs unterwegs sind und darüber bloggen. Man muss solche Blogs im Netz intensiv suchen, denn „Reiseblog“ nennt sich alles Mögliche, unter dem Suchwort findet sich bei Google ein paar hunderttausend Mal PR-Schrott. Was mich interessiert, sind wirkliche Reisende mit echten Blogs. Mehr darüber in der ersten Folge dieser kleinen Reihe.

Auf dem Fahrrad durch Afrika


Aus Malawi heraus zu kommen, war für Tim und Fabian kein Problem. Aber wie sollten sie nach Sambia einreisen? An der Grenze stand zwar eine Art Schlagbaum, in der Mitte mit Handschellen zusammen gebunden, aber weit und breit kein Zöllner. Die beiden fuhren also einfach weiter zum nächsten Ort, machten dort einen Beamten ausfindig und der beschrieb ihnen den Weg zur Kleinstadt mit dem immigration office. Der Weg entpuppte sich dann als Piste, die in keiner Karte vermerkt war. Aber genau dafür durchqueren Tim und Fabian ja Afrika mit dem Rad: Um Abenteuer zu erleben, Herausforderungen zu bestehen und Grenzen zu überwinden – afrikanisch-bürokratische und ihre eigenen.

Losgefahren sind die beiden im März, In Kapstadt/Südafrika – es ist also eine Süd-Nord-Reise. Tim hat 2010 Abitur gemacht, danach in einer Psychiatrie-Einrichtung am Bodensee gearbeitet. Fabian studiert an der FH Aachen Kommunikationsdesign. Das sieht man dem Blog an: Durchdachtes Layout, schöne Fotos, simple Navigation. Und natürlich: ausführliche Berichte, voller Abenteuer und Grenzerfahrungen.

Auch ein Charity-Projekt betreiben die beiden Afrika-Radler zu Gunsten von „Ärzte ohne Grenzen“. Ziel: Für jeden der 12.000 Kilometer, die sie am Ende gefahren haben werden, einen Euro gespendet zu bekommen. Ihr Blog: africabybike.de

via Spreeblick

 

Anna-Lena riskiert alles und fährt einfach los

Gerade ist Anna-Lena merkwürdig still. Seit zwölf Tagen genau. Letzter Eintrag: Jobsuche in Australien. Sie hat 20 Bewerbungen verschickt, über die ganze Ostküste verteilt. In Cairns hatte sie Pech. Immerhin kamen nun Einladungen zu job interviews. Wir müssen uns doch keine Sorgen machen?

Anna-Lena „Biene“ Fellner, 26, ist seit 2010 auf Reise: Afrika, Indien, Südostasien, China, Indonesien, und jetzt  Australien. Hier will sie ein halbes Jahr arbeiten, danach ein weiteres halbes Jahr mit einem Camper durchs Land fahren. Dann Amerika.

Viele Länder, viele Kontinente, dabei geht es Anna-Lena vor allem um ein Ziel: sich selbst. „Ich möchte herausfinden, was ich brauche, um ein glückliches Leben zu führen.“ Auf ihrem Blog hat sie eine Seite eingerichtet über ihr – genauso in Großbuchstaben geschriebenen – PERSÖNLICHES ZIEL DIESER REISE. Jeder Absatz beginnt so: „Als ich mich selbst zu lieben begann, …“ Und als sie sich selbst zu lieben begann, entdeckte sie, wie das funktioniert, mit Selbst-Bewusst-Sein, Authentisch Sein, Respekt, Reife, und einigem mehr.

Allerdings begegnet man dann absolut keiner selbstquälerischen Ich-Sucherin. Anna-Lena feiert im Partykleid, sie taucht und springt mit dem Fallschirm ab und lernt das lockere, improvisierte Leben in Südostasien zu schätzen. So sehr, dass Australien sie erst einmal schwer irritiert: Hier „gibt es wieder so etwas wie Bürgersteige, große befahrbare Straßen, Ampeln und ein Straßensystem, Öffnungszeiten und die Menschen um mich rum sind wieder gestresst… ahhhhh Hilfe ich will zurück!!!“

Ich wünsche ihr, dass Australien keine weiteren Schocks, dafür aber interessante und gut bezahlte Jobs bereit hält. Ihr Blog heißt Ich bin gleich zurück.

 

The World Is Not Enough

Vergnügter Tourist seit 407 Tagen. Das steht auf dem Blog Reisedepesche, wenn man ein wenig nach unten scrollt. Die Blogeinträge heißen „Journal“, mit dem Untertitel „Feine Agitprop für Jedermann“. Man klickt weiter und bekommt immer andere, verspielte Ideen serviert. „Lichtbilder. Jetzt natürlich lächeln, ja, ganz zwanglos“. Wer dem Reisenden hier schreiben will, kann dies unter der Einladung: „Hinterlass mir ein nettes Telegramm: kostenfrei mit dem Telegraph für alle Bundesbürger, Sympathisanten und den kleinen Mann.“

Der Reisende dieser Seiten heißt Johannes Klaus, oder auch Klys („Jetzt in Klyscolor“). Aktueller Aufenthaltort: Philippinen. Natürlich hat er eine Google-Karte auf seinem Blog, mit exakter Route und Reisestationen. Der ganze Webauftritt ist sehr phantasievoll und aufwendig gestaltet – und verdientermaßen ist die Reisedepesche von Klys dieses Jahr für den Grimme Online Award nominiert. Meine Eindruck: Johannes/Klys ist einer der Pioniere, die dem Reisejournalismus gerade neue Möglichkeiten eröffnen – online und multimedial.

Ohne Humor und Leichtigkeit kommt der 30Jährige eigentlich nie daher, selbst wenn er über Heimweh nachsinnt oder darüber, dass es kein Richtig oder Falsch beim Reisen (bzw im Leben) gibt, sondern halt einfach tausend Wege. Oder wenn er aus Somalia berichtet. Richtig: Somalia. Der Failed State, mit Piraten, Entführungen, Islamisten, Stammeskämpfen. Der Norden des Landes, die Provinz Somaliland, ist relativ stabil, von Dschibuti aus kommt auch ein Tourist hinein. Aber: „Doof ist, dass man für Reisen durchs Land  einen mit einer Kalaschnikow bewaffneten, unnützen Soldaten mitnehmen (und bezahlen), sowie ein Auto mit Fahrer mieten muss.“

Das Bild zeigt Klys in Nagorni Karabach, einer armenischen Exklave in Aserbeidschan, wo nach einem Krieg Anfang der 90er Jahr ein brüchiger Waffenstillstand herrscht. Die Exklave versteht sich als eigener Staat, der Rest der Welt versteht das aber gar nicht so. Klys hat es trotzdem geschafft, in diesem Nicht-Staat ein Visum zu bekommen.

Bei Facebook und auf Vimeo gibt es die Reisedepesche auch. Kostprobe:

[vimeo 24868700]

 

 








 


 


4 Kommentare zu “Reiseblogger unterwegs (2): Um die Welt und zu sich selbst

  1. bernd_schwer

    Stimmt, habe ich auch festgestellt. Ich habe das den Opera-Machern auch mitgeteilt. Und benutze Firefox. OK ist auch alles mit Chrome und Safari.

  2. romy

    von tourististan nach kirgisistan ist ja nicht die welt. einer rollert gerade dahin. jossbachhofer,com. noch ein reiseblogger. das sind die spannendsten. nur so als tipp. auf wiedersehen

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