Tourististan

Wanderer, kommst du an die iranische Grenze

713 Tage, das ist eine ganz schön lange Wanderung. Gerade mal 17 Tage fehlen noch, dann sind die zwei Jahre voll. Dabei sind Josh, Shane und Sarah gar keine Extrem- oder Dauerwanderer. Als sie im Sommer 2009 aufbrachen, wollten sie nur ein paar Tage durch die Berge streifen. Die Gegend, die sie sich ausgesucht hatten, gehört zum irakischen Teil von Kurdistan und liegt unweit der Grenze zum Iran. In diesem „unweit“ steckt die ganze Absurdität, das Kafkaeske dieser Geschichte.

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Seit 713 Tagen sitzen Shane Bauer, 28, und Josh Fattal, 28, in Haft, im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Die Leidenszeit von Sarah Shourd, 32, in dem Folterknast war am 14. September 2010 beendet. Aus „humanitären Gründen“ und gegen Zahlung einer „Kaution“ von einer halben Million Dollar wurde sie entlassen und durfte ausreisen.

Und wie können drei junge US-Amerikaner in solch einen Schlamassel geraten?

Shane und Sarah lebten seit 2008 in Damaskus, studierten Arabisch, unterrichteten Englisch, schrieben und fotografierten Reisereportagen und -berichte. Josh, der als Umweltexperte in Afrika, Europa und Indien unterrichtet und gearbeitet hat, stieß dort zu ihnen. Sie hatten vor, einen Trekkingausflug in den Nordirak zu unternehmen. Ein vierter Freund, Shon, musste wegen einer Erkältung absagen.

Wenn man sich nun vorstellt, hier sind drei genauso unternehmungslustige wie naive Traveller einfach mal drauflos gefahren: falsche Annahme. Die drei Hiker haben ihren Trip gründlich recherchiert. Sie holten sich Auskünfte von ihrem Arabisch-Tutor in Damaskus, einem Kurden. Sie sprachen mit Landsleuten, die aus der Region zurück gekehrt waren. Das US-State Department sah Reisen in den kurdischen Norden Iraks als sicher an. Ebenso alle einschlägigen Web-Quellen, von der New York Times über National Geographic bis Lonely Planet. Die kurdische Regierung in den Nordprovinzen warb sogar um Natur- und Abenteuer-Touristen – warum auch nicht: Die Bergregion ist spektakulär schön. Und anders als im restlichen Irak war seit vielen Jahren kein westlicher Ausländer angegriffen, entführt oder gar getötet worden.

Shane Bauer und Josh Fattal. Fotos von freethehikers.org

Irgendwo bei dem Wasserfall Ahmed Awa waren die drei Wanderer unterwegs, als am 31. Juli 2009 das letzte Signal von ihnen kam. Ein Handyanruf: Wir sind von iranischen Bewaffneten umzingelt. Der Iran behauptet seither, das Trio wäre über die Grenze ins Land eingedrungen, um zu spionieren. Möglicherweise haben die Wanderer die Grenze tatsächlich überschritten – doch in diesem Falls aus Versehen, denn der Grenzverlauf ist dort schlecht bis gar nicht gekennzeichnet. Möglich ist aber auch, dass sie auf irakischem Gebiet schlicht gekidnapt worden sind.

US-Medien haben über das Schicksal der US-Hiker ausführlich berichtet. Dass sie im Evin-Gefängnis wahrscheinlich misshandelt werden. Dass sie in zwei Jahren ganze drei Mal mit Angehörigen telefonieren durften. Dass nicht einmal ihr iranischer Anwalt sie besuchen darf. Und dass Verhandlungstermine immer wieder verschoben werden. Nun soll am 31. Juli gegen Josh und Shane verhandelt werden. Zum zweiten Knast-Jubiläum.

Die Angehörigen der Gefangenen unternehmen seit zwei Jahren alles was in ihrer Macht steht, um die beiden Wanderer frei zu bekommen. Kampagnen im Internet und per Facebook (27.380 Unterstützer derzeit), Video-Interviews, Petitionen. Präsident Obama, Muhamad Ali, Hollywood-Stars und Musiker (z. B. Yusuf Islam, formerly known as Cat Stevens) forderten Ahmadinedschad und sein Mullahs auf, den absurden Vorwurf der Spionage fallen und die Inhaftierten ausreisen zu lassen. Sogar UN-Generalsekretär Ban Ki Moon intervenierte für sie.

Doch für den Iran scheinen zwei junge Trekker mit US-Pässen, die sich in die Nähe seiner Grenzen gewagt hatten, eine ungeheure Bedrohung zu sein. Oder ein wertvolles Faustpfand. Zwei Geiseln, die einem mal ungeheuer nützlich sein können.





 


 

 


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