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Jakobsweg: Nach dem Hape-Hype pilgert nun Hollywood

Seit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ braucht man den Jakobsweg nicht mehr vorzustellen. Nicht nur nur die paar Tausend Deutschen, die jedes Jahr zur Pilgerwanderung nach Spanien aufbrechen, sondern auch vier Millionen Buchkäufer wissen nun, was es mit dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela auf sich hat: Es geht um Entbehrungen und Gehen als Therapie, um Blasen, Schweiß und Schmerzen und dass man sich davon aber nicht stoppen lassen darf. Um eine aufwendige Selbstfindung nach dem Muster: Wenn ich diesen Weg schaffe und das Ziel erreiche, dann werde ich auch auf meinem Lebensweg ganz anders voran kommen.

Verwertet, verwurstet und vermarktet wurde der Jakosbweg schon vor dem Hype um Hape, aber die Bekenntnisse des Entertainers waren zweifellos der Höhepunkt der Kommerzwelle. Nordspaniens Tourismusmanager dürfen sich seither die Hände reiben: Die Pilgerzahlen steigen kontinuierlich, von Jahr zu Jahr – neueste Zahlen liegen bei mehr als 270.000 Pilgern in 2010 (Pilger heißt hier: mindestens 100 Kilometer zu Fuß oder 200 per Rad oder Pferd – wobei allein der Camino Francés von den Pyrenäen bis Santiago gut 700 Kilometer lang ist).

Wer nun glaubte, mit Hape sei erst mal gut mit Kommerz – der ist auf dem falschen, nun ja: Weg. Denn nun hat auch Hollywood den Way of St. James entdeckt. Gerade läuft in den Staaten The Way an, ein Film von Emilio Estevez, Sohn von Martin Sheen, der auch die Hauptrolle spielt.

Aus amerikanischer Sicht bietet der Weg ein ideales Setting für alle Arten von Psycho-, Lebens- und Familiendramen. Entsprechend wird The Way verkauft: eine „kraftvolle und inspirierende Geschichte über Familie, Freunde und Herausforderungen“, die das Leben so parat hält. Sheen spielt Tom, dessen erwachsener Sohn in den Pyrenäen, als er den Weg geht, ums Leben kommt. Darauf fliegt Tom ins alte Europa herüber, packt die Urne mit der Asche des Sohnes in einen großen Rucksack und geht den Weg selber. Natürlich trifft er Menschen, die ebenfalls ihr Päckchen zu tragen haben. Das scheint zwischen Melo und Komödie zu spielten, und Nordspaniens Schönheiten – Gebirge, Klöster, alte Städte – kommen selbstverständlich auch nicht zu kurz.

 

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Der Film ist in den Staaten gerade gestartet, erste Kritiken lesen sich angetan bis begeistert. Die Washington Post sah “a sensuous, expansive hymn to travel and transformation.” Ob und wann The Way nach Deutschland kommt, konnte ich nicht rausfinden, es hängt wohl davon ab, wie der Film sich in der Kinoverwertung drüben so schlägt (und lässt sich wahrscheinlich über die Facebook-Seite herausfinden).

Warum ich das hier aufschreibe? Als ich kürzlich den Hinweis auf The Way entdeckte, erinnerte ich mich an eine der ersten Reisereportagen, die ich als Journalist geschrieben habe. Es war 1992 oder 93, mit einem Fotografen zusammen klapperte ich den Weg ab, begleitete verschiedene Pilger jeweils einen Tag lang, führte Interviews auf der Straße und in Pilgerherbergen.

In Puente la Reina trafen wir drei junge Franzosen, die sich zuerst kategorisch weigerten, mit uns zu reden, dann aber langsam auftauten (wir durften trotzdem nichts davon verwenden) – und die uns Journalisten aber eigentlich auf der Stelle nach Hause wünschten. Sie gingen den Weg wegen der spirituellen Erfahrung (zu persönlich: kann man nicht drüber reden…), und das sei aber nur möglich, wenn der Weg echt und authentisch bleibe und nicht zum Tourismus-Produkt verkomme. Meinen Einwand, das sei er im Mittelalter schon mal gewesen, ließ er nicht gelten.

Ein Zitat habe ich noch wörtlich im Kopf. Damals wurden auf dem Weg rund 9000 Pilger pro Jahr gezählt, und einer der Drei sagte: „Wenn hier erstmal 20.000 oder 30.000 Leute rumtrampeln, ist der Weg tot.“

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