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Reiseführer-Apps: Armes Hamburg

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, mir mal genauer anzuschauen, was sich bei den Reise-Apps für iPad und iPhone so tut. Hamburg heißt die Destination, die ich testen wollte. Immerhin Deutschlands zweites Ziel bei Städtereisen – also wird doch wohl eine stattliche Liste von Reiseführern in digitaler Form zu finden sein.

Nahm ich an. Naiv wie ich war.

Erste Überraschung: Die Suchwörter „Hamburg“, „Guide Hamburg“, „Reiseführer Hamburg“ bringen im App-Store kaum Ergebnisse. Gar nicht so wie im Buchladen, wo das Genre ein ganzes Regal füllt. Ganze vier Apps habe ich mir aufs iPad gezogen. Drei von ihnen sind iPhone-Apps, die zwar auch auf dem iPad laufen, aber nur in iPhone-Größe erscheinen, was aussieht als hätten sie sich bei Apple mal um zwei, drei Stufen in der Skalierung vertan.

CityScouter Hamburg

Die App ist die einzige in meiner Auswahl, die wirklich dem iPad angepasst ist. Doch man blättert und wischt nur ein wenig herum, schon stehen da seltsame Sätze: Das Deutsche Schauspielhaus ist ein „romantisiertes weißes Gebäude“. Die Fischauktionshalle soll in der Hamburger Altstadt liegen, wo doch jeder, der an stürmischen Tagen Tagesschau schaut, weiß: Die steht am Fischmarkt und kriegt nasse Füße, wenn eine Sturmflut die Elbe hochkommt. In der Altstadt hingegen sind Büro und Verwaltung, was man auf der Homepage erfahren kann, wofür man allerdings recherchieren hätte müssen, heißt: einmal googeln und dann zwei-, dreimal klicken.
Unter den Geheimtipps der App wird mir zugeflüstert: „Wüßten Sie? Hamburg ist der Megaband The Beatles wegen bekannt …“
OK, schon kapiert: Fürs Übersetzen und Factchecking haben die App-Macher nicht wirklich Geld investiert. Dennoch setzen sie unter jede Seite den Hinweis: „Information zum Zeitpunkt des Erstellens korrekt. Informationen provided by Wcities. ©2010“
Erstaunlich, dass sie mich dennoch beharrlich weiter ins Grindel Filmtheater schicken wollen. Das hat, wie man bei www.rettet-das-grindel.de mit ebenfalls ein, zwei Klicks nachlesen kann, im Sommer 2008 zugemacht, ein Jahr später war es abgerissen.
Erstaunlich auch, dass die App zwar lange Listen von Hotels und Restaurants enthält, dass aber auf der integrierten Open-Street-Maps-Karte nur wenige davon angezeigt werden. Etwas zu essen scheint es überhaupt nur rund um die Alster zu geben.
Fazit: Wirkt wie ein absolutes Billigprodukt. Miserabel geschrieben, haufenweise veraltete Infos, kaum durchdachte Nutzerführung. Oder warum bekomme ich bei Hotels Telefonnummern  angezeigt, aber keine Websites? Und optisch, so? Reden wir nicht drüber. Optik gibt‘s nicht.

Hamburg.de

Die Website selbst ist sehr praktisch. Wenn ich mal was auf einer Behörde zu erledigen habe, Papiere für irgendwas brauche, hier finde ich die Adresse, die Öffnungszeiten, und was ich mitbringen muss. Das habe ich nun alles auch per App, wenn ich mich als „Hamburger“ einlogge. Als „Tourist“ kriege ich jedoch nur einen Guide, der so tut als ob. Da stehen etwa unter Hotels ein paar Kategorien, etwa „Billighotels“. Und darunter zum Beispiel die mittlerweile ja doch sher bekannte Superbude. Und dazu gibt es eine Buchungsnummer (natürlich mit Extragebühren), eine Schaltfläche „Stadtplan“ und eine Schaltfläche „Fahrplan“. Das muss reichen. Wozu muss ein Stadtführer was über die Hotels verraten, die er auflistet? Steht doch überall heute, sowas.

 

Tripwolf

Darauf muss man auch erst mal kommen: User-Infos aus einer Reise-Community in eine App zu packen und die für 3,99 Euro zu verticken. Folglich wimmelt es von wahnsinnig tollen Insider- und Geheimtipps, die sonst nur ungefähr jede Woche in der Zeitung stehen. Unter „Blogs und Webmagazinen“ kriege ich – ohne funktionierenden Link – drei Blogs über Style und Mode angeboten, dazu einmal was über Shopping. Sonst scheint sich in Hamburg blogmäßig nichts zu tun.

 

Marco Polo

Noch so ein Kandidat.
Schon das erste Hotel in der Liste, das ich anschauen will und auf dessen Website die App mich per Safari verbindet: domain is deactivated! Na toll.
Bei den First Class Hotels steht an oberster Stelle: das „Achat Plaza LandArt“ in Buchholz in der Nordheide. Holla. Das ist 28,7 km von meinem ziemlich zentralen Standort enfernt. Ein schönes Stück außerhalb von Hamburg. Und First Class? Nichts gegen Achat, aber die Zimmer fangen bei 86 Euro an und First Class ist dann doch eine andere Liga.
Warum müssen Hotels überhaupt alphabetisch gelistet sein? Mich interessiert doch zum Beispiel, in welchem Stadtteil sie liegen. Oder ich hätte gern zwei, drei Fotos, eine Kurzbeschreibung. Was mir hingegen gar nicht passt: Wenn ich mich durch lange alphabetische Listen scrollen muss.
Übrigens tauchen unter First Class dann auch Häuser von Best Western und Holiday Inn auf. Bei aller Liebe, MarcoPolo: Falsche Kategorie! Gilt umgekehrt auch für ein Haus wie das Abtei-Hotel in Eppendorf (ab 145 €), das in die Mittelklasse einsortiert wird. Gut, auch hier halten wir mal fest: Von Redaktion, Sorgfalt, Bearbeitung keine Spur weit und breit. Da hat einer ein paar Datenbanken einlaufen lassen, fertig.
Ich habe dann noch ein wenig mit der Suchfunktion herum gespielt. Lust auf Pizza? Tja Pech, gibts in Hamburg nicht. Suchergebnis: null. Oder Sushi? Vier Treffer, immerhin, allesamt Kettenlokale, nicht die wirklich interessanten Adressen. Und, nun aber voll frustrierend, weil sie doch eigentlich hier erfunden wurde, da Suchwort Currywurst: ebenfalls null.
Nicht einmal den „Schellfischposten“ kennt diese angebliche Suchmaschine, Hamburgs älteste Seemannskneipe in Altona und Schauplatz von „Inas Nacht“ in der ARD (Ina Müller, ihr wisst schon, die blonde, kurzhaarige Quasselstrippe…)
Darfs noch ein Gag zum Schluss sein? Auch bei MarcoPolo gibt es den Grindel Ufa Palast noch, zwei Jahre nach seinem Ende unter der Abrissbirne. Die Verfasser kommen hier sogar zu einem dezidierten Urteil über das Kino und sein Programm: „viel Volk, viel Müll, viele schlechte Filme“. Egal, zum „Insider-Tipp“ hat es für das Grindel trotzdem noch locker gereicht.

Fazit:

Alles nicht der Rede wert, weil Schrott von A bis Z? Nee, so leicht lassen wir euch nicht davonkommen, Reise-App-Pfuscher. Viel verlangen wir ja nicht. Und es gibt ja schon alles, in Buchform. Schön nach Themen und Stadtteilen sortiert. Es kann doch nicht so schwer sein, den Content in eine App zu packen. Und etwas Aktualität wäre schön. Gibt ja keine Drucktermine mehr.

Hier jedoch, Reisender, kommst du mit deinem iPhone oder iPad nach HH, und nur damit, und hast du dir die drei, vier deutschsprachigen Reiseführer-Apps geladen und verlässt dich ausschließlich auf sie: Dann bist du verratzt und verloren. Du wirst weit draußen an der Unterelbe übernachten, du suchst in einer Altenwohnanlage nach Kinosaal 2, und am Ende des Tages wirst du froh sein, wenn dir jemand die bestellte Pizza auf deinem Hotelzimmer vorbeibringt. Du wirst an den 2,99 bis 3,99 Euro, die sie dir für diese Apps abgeknöpft haben, nicht verarmen, aber dich doch fragen: Wieso, zum Teufel, soll man für solch kaum bis überhaupt nicht brauchbares Zeug auch nur einen einzigen Cent hinlegen?

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