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Der App-Kritiker (1): Merian Reiseguide Bodensee

Merian_Bodensee

Mein iPhone zeigt mir die Welt

So, nun habe ich auch eines. Und ich will damit natürlich mehr als nur telefonieren, mailen, smsen und surfen. Es kann ja auch viel mehr – und alles mit einem Fingertippen. Oder einem sanften Wisch über seinen Glasschirm. Es soll mir zum Beispiel als Reisebegleiter dienen. Als kundiger, kluger Gefährte, der alles abspeichert, was ich mir nicht merken kann oder möchte. Oder der weiß, wo man nachfragt und die richtigen Antworten findet. Mein iphone hat nämlich connections (so nannten wir das früher).

Frisch aus dem App Store

Aus Apples praktischem Programm-Basar habe ich mir den Merian Scout Reiseguide Bodensee geholt. Den Bodensee kenne ich zwar, aber man lernt immer gern dazu. Nachdem ich die Merian-App dann aber getestet hatte, war ich versucht, die Kollegen von Merian anzurufen und zu fragen: Liebe Leute, was habt ihr euch denn dabei gedacht?

Aber zunächt rasch das Positive. Beim Merian-Guide hat man nicht einfach Papier in Pixel übertragen, sondern die Basisfunktionen des iPhone eingebaut: Ich tippe ein Restaurant an oder ein Museum und kann gleich dort anrufen, ein E-Mail hinschicken oder die Webseite aufrufen. Oder ich lasse mir die Adresse auf der Google-Karte anzeigen, ebenso die Entfernung dorthin. Sehr praktisch.

Visite am Rumpf-Bodensee

Anschließend habe ich das gemacht, was man mit einem neuen Programm gern anstellt: Man spielt herum. Man sieht sich um. Man will es kennenlernen. Zum Beispiel die Rubrik „Städte und Orte“. Sie zeigt mir fünf Namen an: Konstanz, Friedrichshafen, Engen, Ravensburg und Wangen im Allgäu. Wangen im Allgäu? Warum nicht gleich Füssen oder Augsburg? Und wo ist der ganze Rest? Wo sind die Bodenseestädte abgeblieben? Alles Scrollen und Suchen bringt mich nicht weiter: Kein Meersburg, kein Lindau, kein Radolfzell. Die Schweiz und Österreich sind komplett ausgeblendet. Wo ist Bregenz mit seinem Kunsthaus und der Seebühne? Wo sind Romanshorn und Rorschach? Oder – statt Wangen im Allgäu – St. Gallen mit seinem Unesco-Weltkulturerbe aus Stiftsbibliothek und Stiftskirche?

Ok, nächster Anlauf: „Tipps und Highlights“. Hier wird erst recht gegeizt: Mainau, Reichenau und, Achtung: „Zeppelin-Museum“. Das muss reichen. Mehr ist nicht. Wir wollen unsere Kunden ja nicht mit Informationen überfüttern.

In diesem Stil geht es weiter: bestürzend dürftig. Beispiel Schwimmen. Rund um den See kann man natürlich wunderbar baden. An vielen lauschigen Ufern, in schönen Seebädern. Der Touristikunternehmer Peter Eich aus Konstanz ist dabei, darüber einen ganzen Online-Guide anzulegen. Was fällt Merian zum Thema ein? Die Schwabentherme in Aulendorf. Und noch eine Therme, auch irgendwo weit im Hinterland. Man möchte ins Wasser gehen, so armselig ist das.

Merian will mich zum Heulen bringen

„Zahlreiches Bildmaterial“ würde ich in der App finden. So verspricht es mir die Merian-Website. Ach was, dreist gelogen. Der gesamte Guide ist eine Textwüste. Bei den Hotellisten gibt es hier und da ein Mini-Bildchen, das übliche, fade Hotel-PR-Foto und in in einer Größe, dass Briefmarken daneben flächig wirken.

Rubrik „Einkaufen – nobel shoppen und sparen“: Mein Lieblings-Brüller. Zwei Adressen bekomme ich serviert. Nein, zwei Namen. An einer Adresse. Radolfzell, Schützenstraße 50. Das Seemaxx Factory Outlet und den Schiesser Fabrikverkauf. Kunststück: Der Schiesser Fabrikverkauf ist im Seemaxx Factory Outlet.

Gut, 12 Golfplätze listen sie auf (die eigentliche Zielgruppe?). An Restaurants mangelt es auch nicht – da haben sie ihre üppige Feinschmecker-Datenbank mal ansatzweise genutzt. Da geht es dann in schönster Gourmet-Prosa um Fischköche und Regionalküchenerneuerer und sonstige Helden am Herd, aber immerhin.

Obwohl: Mehr als drei, vier reizvolle Lokale wird Konstanz schon zu bieten haben. Die haben da eine Uni (St. Gallen auch), Studenten gehen gern aus – ok, lassen wir es, es läuft immer auf dieselbe informationelle Mangelwirtschaft hinaus. Eine DDR des Reisejournalismus.

Wo bleibt die Vorschau im App Store?

Fazit: Ein Fiasko. Man fragt sich allen Ernstes, ob die Merian-Leute das absichtlich so hingeschludert haben. Damit die Kunden reumütig zum Bewährten zurückkehren und weiter ihre Reiseführer in Buchform kaufen. In denen kann man vor dem Kauf immerhin mal blättern – und merkt rechtzeitig, bereits im Buchladen: Hey, da steht ja gar nichts drin. Lasse ich lieber liegen.

Das vermisst man dann doch im App Store: In die Musikstücke kann ich reinhören, ehe ich kaufe, bei den Apps gibt es kein Reinschauen. Ich bin auf die Anpreisungen des Anbieters angewiesen. Anpreisen, darin sind sie gut bei Merian. Kostprobe gefällig ? Ach, lieber nicht: Dann würde es hier richtig peinlich.

Und es gibt Kundenbewertungen und -rezensionen. Zwei User hatten rezensiert, als ich kaufte, einer fand: „Keinen Cent wert.“ Zugegeben, bei einem Kaufpreis von 1,59 € ist die Fallhöhe für eine Produktenttäuschung überschaubar, der Frust-Aufprall nicht allzu hart. Aber mal im Ernst: Für so klägliches Prospektchen mit ein paar Mail-Links sind selbst 159 Eurocent zuviel Geld.

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