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Krimitour auf St. Pauli: Touristenstau in der „Ritze“

„Dann haben die Typen Knarren gezogen und sofort geschossen.“ Das war in dem rot beleuchteten Kasten hinten – Deutschlands erstem Eros Center. Berichtet Reverend Roosen, the man in black

Auf zu hochkriminellen Ereignissen
Es hat den halben Tag gegossen und jetzt fegt ein kalter Wind um die Ecken. Zwanzig Menschen stehen gegen 18 Uhr an einem Samstagabend vor dem St. Pauli Tourist Office in der Wohlwillstraße und frieren langsam durch.
Egal, kalauert einer, ist ja ein heißes Pflaster hier.
Ja hoffentlich, wir wollen ja was erleben heute abend. Mit Reverend Roosen, der Rollkragen trägt und einen schwarzen Leder-Trench. Vor seiner Brust baumelt an einer langen Kette ein Totenkopf mit blinkenden bunten Steinchen. Passt, das Outfit: Mit dem Mantel könnte er in jedem St.Pauli-Krimi als Polizist auftreten. Und so einen Schmuck-Schädel sieht man im schrecklich dezenten Hamburg auch nur hier, auf dem Kiez.
Krimitour heißt das Unternehmen, das Reverend Roosen anbietet. Ein geführter Rundgang „durch ein Jahrhundert hochkrimineller Ereignisse“, denn „die Reeperbahn und dunkle Seitenstraßen waren schon immer Schauplatz für Gewalt, Verbrechen und finstere Geschäfte.“

Da wird uns schon wärmer. Erst recht, als dann ein Spieler, der schwer mit seinen Schulden in Rückstand war, im Kugelhagel stirbt, diverse Hälse durchgeschnitten werden und eine gar nicht fürsorgliche Mietmutter die ihr anvertrauten Kinder im Ofen ihres Wohnzimmers entsorgt. Als ein Hackebeilchen geschwungen wird und Zuhälter ihre Revierkämpfe nicht mehr mit Fäusten, sondern mit Knarren austragen. Oder sogar noch in der Schmuckstraße, dem Transen-Strich, wo wir hören, dass hier einst eine kleine Chinatown bestand, was natürlich nicht ohne Opiumhöhlen abgehen konnte – ob das Wahrheit oder Legende ist: egal, es trägt zum wohligen Kribbeln bei. Heute ist hier ein halb heimlicher Transen-Strich, und diese Schwestern, warnt Reverend Roosen, gehen so  gar nicht zimperlich auf Kundenfang. Für den Fall, dass einer später noch allein losziehen möchte.

 

Touristen erobern den Kiez
Doch ja, St. Pauli ist ein ergiebiges Krimi-Revier. Das Viertel gibt aber auch für andere Themen eine Menge her. Wir zwanzig Kieztouristen sind längst nicht die einzige Gruppe, die durch die Straßen um die Reeperbahn streift.
Als es dunkelt und der Kiez seine Nachtbeleuchtung aus Neon anwirft, was den Glamour-Faktor auf der Stelle vervielfacht, sagt Reverend Roosen eine Pause an. In der „Ritze“. Legende, Kult, Institution – all das trifft auf das schmale Lokal zu, das man durch ein Graffito gespreizter Frauenbeine betritt. Die Wände, vom Rauch von Millionen Zigaretten patiniert, sind mit Fußball- und Box-Plakaten tapeziert sowie mit hunderten Fotos prominenter Gäste: Franz „Kaiser“ Beckenbauer, Franz-Josef Strauß, der alte Spezi, jede Menge alte Bundesrepublik-West-Gesichter – und selbstverständlich dürfen Kiez-Größen wie Kalle Schwensen nicht fehlen. Nur laufen keine Pornos mehr auf dicken Röhrenfernsehern, wie in den Achtzigern, als ich hier zum ersten Mal ein Bier bestellte, sondern Bundesliga per Sky auf riesigen Flatscreens.
Der Reverend sammelt Getränkewünsche ein, damit es zügig voran geht.  Denn in der „Ritze“ herrscht Touristenstau. Mindestens drei Gruppen stehen dicht gedrängt vor der Theke, zwei weitere sammeln sich bereits vor der Tür. Der Besuch im Boxkeller im Untergeschoss muss praktisch wie auf dem Rangierbahnhof geregelt werden. Denn in der „Ritze“ kann man heute ganz unschuldig einen Blick hinter die Kulissen des Verruchten und Halbseidenen riskieren. Jugendfrei und schon fast familientauglich.

Reverend Roosen an der Theke der „Ritze“. Pausenbier.

Die Ritze. Die Tür ist zwischen den Frauenbeinen

Club de Sade: Tabu war gestern
Hier begegnen wir auch zum erstenmal Eve Champagne: „Burlesque Queen“, wie sich die Stripperinnen heute zeitgemäß nennen. Oder wie sie selber es formuliert: „Die geilste Rampensau der Republik.“
Nun hat Eve ebenfalls eine Gruppe im Schlepptau, und in der Erichstraße laufen wir ihr wieder übern Weg. Dort logiert der Club de Sade. Ein eingeführtes Etablissement für Peitschen und Fesseln, Dominas und Lustsklavinnen, Europas ältester SM-Club. Sieht zwar sehr verschlossen aus um diese Zeit, aber hinter den Türen: oh la la. Erzählt zumindest Eve Champagne vor der Tür – der Reverend hat uns Krimigänger an dieser Station gleich an sie weiter gereicht. Es müssen ja nicht zwei Guides dasselbe reden. Gesteigertes Kribbeln und Staunen in der Runde, erst recht, als Eve Champagne ankündigt, dass man auf solchen Führungen den Club den Sade bald auch von innen wird bestaunen können. Das versuche ich mir nun einen Moment bildlich vorzustellen: Wie eine Busbesatzung aus Wanne-Eickel in grauen Windjacken das SM-Interieur und die Separées begutachtet. Während … aber nein: Hinein wird man nur vor den Geschäftszeiten dürfen.

St. Pauli – das Freilichmuseum
Noch ein letzter Schlenker zum Hafen, dann endet unsere Tour. Zeit für ein After-Hours-Bier mit dem Reverend. Im „Silbersack“ stehen sie bis zur Tür, aber gegenüber haben wir eine ganze Bar für uns. „Klar“, sagt er, „St. Pauli wird immer mehr zu einem Museum.“ Vor 23 Uhr sei der Kiez „voll mit Touristen“. Besuchergruppen ziehen zu Dutzenden durchs Viertel, angeführt von Hummel Hummel, Olivia Jones, Inkasso-Henry. Alles buchbar, hübsch verpackt und gut organisiert. Ein boomendes Business.
Hamburger Party- und Clubgänger wissen, dass man am Wochenende nicht mal vor ein Uhr morgens aufzuschlagen braucht. Der Kiez ist schon lange nicht mehr nur Amüsiermeile, Party-, Club-, Musikszene, käuflicher Sex und Absturzzone. Er ist auch eine gigantische Attraktion, eine einmalige Kulisse
Mal abwarten, ob St. Pauli auch künftig „Schauplatz für Gewalt, Verbrechen und finstere Geschäfte“ sein wird. Damit der Reverend weiter genug Stoff vorfindet, um seine Krimi-Geschichte fortzuschreiben.

Info: Die Tour wurde ermöglicht durch rent-a-guide.net; dort ist die Krimitour auch – hier – buchbar. Die Bochumer Agentur bietet das größte deutschsprachige Buchungssystem für Touren, Ausflüge und Führungen weltweit – derzeit sind 2180 Angebote in über 68 Ländern auf fünf Kontinenten online buchbar. Aktuell sind 700 Tourguides und Incoming-Agenturen registriert, es gibt Kooperationen mit berlin.de, koeln.de, Hamburg.de. und travelscout24. In der Mobile Version lässt sich mit der Funktion „In meiner Nähe“ anzeigen, welche Stadtführungen im näheren Umfeld angeboten werden.

Reverend Roosen betreibt das informative und unterhaltsame Portal reeperbahn.de – wer dort ein wenig herumklickt, findet ihn auch unter seinem bürgerlichen Namen.

Ein Kommentar zu “Krimitour auf St. Pauli: Touristenstau in der „Ritze“

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