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Suisse diagonale – Zu Fuß durch die Wirklichkeit

Zwei Reporter entdecken die alte Weisheit neu: Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen.

Florian Leu und Daniel Winkler vom Schweizer Magazin „Das Magazin“ wanderten einmal quer durch die Schweiz. Von rechts oben (Bodensee) nach links unten (Genfer See). Ihr Reisebericht liest sich wie von einer Expedition in ein fremdes Land – in dem wir aber alle schon mal waren.

Die Schweiz also. Keine Angst, es ist nicht die Schweiz von: Matterhorn, Schokolade, Luxusuhren, Gipfelkreuzen, Alpenseen, Heidiland. Bleibt alles links liegen. Ihr Weg führt nicht durch die Schweiz der Postkarten. Bunt ist sie aber schon.

Fotos: Das Magazin

Sie treffen einen Bademeister, dessen Lebensglück es ist, dort Bademeister zu sein, wo er als Junge vom Sprungbrett sprang. Oder Corinne, die auf dem Weg nach Santiago de Compostela ist, sogar noch ein Stück weiter, nach Finistere, ans Ende der Welt, "ohne Handy, ohne Waffe, ohne Angst". Oder Jugendliche, die von Amerika träumen, "mal richtig shoppen". Sie führen uns in Beizen (schweizerisch für Gasthaus, Kneipe), darunter ein Kiffer-Café ohne Zukunft – bald droht das totale Rauchverbot. Jeden Tag treffen sie Helden des Alltags.

Oder auch mal einen Roboter bei der Arbeit:

In Degersheim, sechs Kilometer hinter Herisau, sehen wir ein Gerät von Husqvarna, das sich surrend und selbständig um den Rasen kümmert. Ein Rasenmähroboter, klein und rundlich, todschickes Teil. Es kurvt durch den Garten, dreht sich, düst weiter. Eine Roboterballerina bei der Kür. Der Rasen schön wie ein Teppich.

Kann auch mal vorkommen, dass zum Morgenkaffee eine Kuh geschlachtet wird:

Wir schneiden Käse ab, nebenan drückt sich der Metzger das Gewehr an die Schulter. Die Kellnerin bringt Kaffee, nebenan klappt eine Kuh zusammen. Wir wanken auf wunden Füssen davon, nebenan hält erneut ein Auto mit einer Kuh im Anhänger. Ein lautes, wehes Muhen. Dann ist Schluss.

Sie geraten in echte schweizerische Idyllen:

In vier Stunden wandern wir von Schindellegi nach Unterägeri. Der Ägerisee scheint importiert aus Kanada, türkisfarben liegt er da

Beruhigend, wie sauber alles geregelt ist:

Auf dem Weg zwischen Malters und Werthenstein sehen wir eine Vermehrung von Verbotstafeln: Hier nicht rauchen, hier nicht reiten, hier nicht feuern, hier keine Hunde laufen lassen, hier die Gleise nicht überqueren. Eine Tafel duzt die Hunde: Hier darfst du nicht.

Andererseits hat auch die Ordnung ihre Tücken:

Wir wandern durch Dörfer ohne Leute. Nach vier Stunden meinen wir, uns im Kreis zu bewegen. Als gingen wir immer wieder durch das gleiche Dorf, vorbei am gleichen Brunnen, an den gleichen Bauernhöfen, den gleichen Kühen, den gleichen Sitzplätzen. Wandern mit M.C. Escher.

Schön ist: Sie verschonen uns weitgehend mit Blasen an den Füßen, Muskelkater und anderem Gejammer. Sie verzichten gänzlich darauf, pseudobuddhistisch von der Selbstfindung im Rhythmus des Gehens zu faseln. Noch schöner: Täglich treffen sie Menschen, die nicht ins Fernsehen kommen und nicht in der Zeitung stehen – und bis sie nach gut zwei Wochen am anderen Ende der Schweiz angekommen sind, haben sie uns jeden Tag ein kleines Drama, eine Komödie, ein Stück reality ohne soap serviert. Lauter Geschichten darüber, wie spannend ein angeblich so langweiliges Land sein kann.

Und einmal sahen sie in einem Park einen Mann, der nicht wusste, wie er seinem Schäferhund helfen sollte, der eine Biene verschluckt hatte. Der Hund erstickte daran. Mehr Action war nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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