Tourististan

Neu im Alpin-Hotel: das Outdoor-Schlafzimmer

Reisejournalismus kann manchmal verwirrend sein.

Da gibt es heute im Reiseteil der SZ (natürlich nicht online, nur Papier ist so geduldig) eine Reportage über das Hotel Schweizerhof in Lenzerheide, Graubünden. Ein schönes Hotel, so jedenfalls mein Eindruck von der Website. Darüber erfahre ich in der SZ aber nicht so arg viel, umso mehr hingegen über viele, viele Einwanderer unter den Angestellten, die sich um das „Wohl der Gäste“ kümmern. Mira, die Wäscherin aus Serbien. Marisa, das Zimmermädchen aus Portugal. Senthil, der Portier aus Sri Lanka. Sie erzählen vom Fremdsein und vom Deutschlernen, ob sie einen Schweizerpass wollen oder lieber doch nicht, und Mira fasst das alles hübsch zusammen: „Auch hier muss man arbeiten. Die Schweiz ist kein Schlaraffenland.“

Jedenfalls nicht für die Hotelangestellten, die ja dafür sorgen sollen, dass die Gäste sich ungefähr wie im Schlaraffenland fühlen.

So weit, so absehbar. Über den Text hat die Redaktion dann aber auf einem gefühlten halben Quadratmeter ein seltsames Foto gestellt. Da steht ein Hotelbett in freier Natur, samt Lampen, Couch und Sesseln, recht geschmackvoll alles. Im Hintergrund dunkle Wälder und eine Bergkette im Alpenglühen. Hm, frage ich mich, was soll das Bild uns sagen an dieser Stelle? Müssen die Angestellten „mit Migrationshintergrund“ etwa jeden Tag komplette Zimmer zum Lüften ins Freie schleppen? (Das Haus hat 190 Betten!) Oder gibt es dort Fototapeten, die so täuschend echt wirken, dass der Gast gar nicht mehr hinaus zu gehen braucht in die Schweizer Bergwelt? Oder sind sie im Schweizerhof etwa ganz weit vorn und surfen an der Spitze des allerneuesten Trends bei den Alpin-Desighotels: dem Outdoor-Schlafzimmer?

Die Bildunterschrift trägt auch nicht wirklich zur Aufklärung bei: Damit der Hotelgast sich nicht allein auf weiter Flur fühlen muss, arbeiten im Hintergrund viele Menschen, die man häufig gar nicht zu Gesicht bekommt.

Das war schon immer ein Klassiker auf den Journalistenschulen: Ein Bild zu betexten, das nicht zum Text passt und etwas nicht zeigt, von dem aber der Artikel berichtet. Hohe Schule des Bildunterschriften-Surrealismus.

Was mich am Ende dann wieder beruhigt hat: Offenbar haben die richtigen Zimmer im Schweizerhof doch Decken, Wände, Türen und Fenster. Jedenfalls behaupten das die Fotos auf der Website.

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