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Knietief im Klischee: Sammlung Reise-Lyrik (1)

Die Seele baumeln lassen, das ist der Klassiker. Oder: die malerischen Gassen der Altstadt. Das romantische Erlebnis-Hotel. Attraktionen, die auf Besucher warten. Mit allen Sinnen erleben. Der Zauber, der Charme, die Magie von diesem und jenem und überhaupt allem. Und das Essen? Immer lecker.

Wir lesen gern Reiseberichte, Reisereportagen, Reise-Essays. Und viele schreiben sie auch gern. Es gibt brillante, gute und einfach furchtbare. Aber egal, wie man sie mag oder bewertet: Texte, die sich ums Reisen drehen, scheinen stark ansteckungsgefährdet zu sein. Für das Klischee. Für Abklatsch und Gemeinplatz, für Schablonen und Kopien. Im Journalismus pflegen auch die Kollegen aus der Politik und dem Sport, der Wirtschaft und dem Feuilleton ihre Phrasen und wiederholen ihre abgedroschenen Wendungen, in Endlosschleifen. Nur sieht es so aus, dass wir Reisejournalisten dafür besonders anfällig sind.

Warum das so ist? Je nun, auch Reisejournalisten sind nicht immer nur gut drauf und intelligent und fleißig. Sie sind auch mal faul, mal müde, mal haben sie keine Idee. Sie stehen unter Stress und unter Termindruck, sie machen sich einen Lenz oder sie hauen die Zeilen raus – sie haben ja Routine. Oft kapitulieren sie schlicht vor dem Schönen. Denn das Schöne ist das Schwierige. Etwas auseinander pflücken kann jeder Depp, siehe die Bewertungsportale. Aber ein gut erzählter Reisetext, das hat Seltenheitswert.

Gut, belassen wir es dabei. Mir gehen die Klischees, all die untoten Wörter und Wendungen, jedenfalls auf die Nerven. Deshalb starte ich hier eine Sammlung meiner persönlichen Reise-Lyrik (nichts gegen Lyrik, aber in diesem Zusammenhang …). Also der abgeschmackten und durchgelutschten Begriffe und Bilder, mit denen die Zeitungen und Magazine (online wie offline) vollgemüllt sind.

Disclaimer: Eine Idee bleibt auch dann gut, wenn man sie klaut, äh kopiert. Ich habe mich stark vom Umblätterer inspirieren lassen, einem Feuilleton-Blog, der unter dem simplen Titel „Regionalzeitung“ die schönsten Phrasen aus der Tagespresse auflistet. Aktuell sind sie dort bei der 41. Lieferung – Glückwunsch! Ich sammle weiter, setze die Liste in loser Folge fort – und ich freue mich über eure Zusendungen, Fundstellen, eure Klischee-Beute.

Und nun zur Reise-Lyrik, Folge 1:

Wird jeder Tag zum Abenteuer

Im Herzen der Stadt erstrahlt ein einzigartiges Ensemble

Die exotische Perle des Orients

Eine der spannendsten Metropolen

Dafür revanchiert sich die Bergwelt mit großartigen Ausblicken

Ist das Alltagsleben quicklebendig

Hier kann der Mensch durchatmen und zu sich kommen




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