Video: Karten zeichnen und updaten– ein Job für harte Kerle

Zu einem düster-mittelprächtigen November-Sonntag habe ich für euch ein Video, in dem harte Burschen bei 45 Grad unter stechender Sonne schwitzen: road scouts, die in einer schwarzen Limousine durch Amerika cruisen. Fahren ist ihr Job – in einer Zeit, als Männer in Autos noch Hüte trugen. Diese field men inspizieren millions of miles of roads in the U.S. und legen dabei akribische Aufzeichnungen an. Einer steuert, der Beifahrer zeichnet und notiert, und zwar präzise und mit steady hand – egal wie stark die Kiste schaukelt.

Das Video ist von 1940 und zeigt modern map making von damals – lange bevor es GPS und Google Maps und Satelliten gab. Die gesammelten Informationen wurden von Kartenzeichnern auf vorhandene Straßenkarten übertragen, per Durchsichtfolie. Ein einfaches Update-Verfahren: Die über eine Karte gelegte Folie zeigte Straßensperren, Baustellen, Umleitungen, neue Abschnitte, gerade eröffnete Highways. Von der Folie stellte man frische Druckvorlagen her und druckte die neuen Infos auf vorhandene Straßenkarten – so konnten alle zwei Wochen aktuelle Karten produziert und ausgeliefert werden. Alle zwei Wochen! (Wie schnell schafft das eigentlich Google heute?)

Die Mini-Doku ist im heroischen Stil der alten Wochenschauen gehalten – der Nachrichten- und Reportagefilme, die vor dem Hauptfilm im Kino gezeigt wurden: years spent in the wide open spaces have toughened these men … Straßenbauer, Pioniere, Eroberer – Helden der Arbeit auf Amerikanisch.

Enjoy.

[youtube XgvWoU2JiF0 Caught Mapping]

 

Gefunden bei Gadling

Krimitour auf St. Pauli: Touristenstau in der „Ritze“

“Dann haben die Typen Knarren gezogen und sofort geschossen.” Das war in dem rot beleuchteten Kasten hinten – Deutschlands erstem Eros Center. Berichtet Reverend Roosen, the man in black

Auf zu hochkriminellen Ereignissen
Es hat den halben Tag gegossen und jetzt fegt ein kalter Wind um die Ecken. Zwanzig Menschen stehen gegen 18 Uhr an einem Samstagabend vor dem St. Pauli Tourist Office in der Wohlwillstraße und frieren langsam durch.
Egal, kalauert einer, ist ja ein heißes Pflaster hier.
Ja hoffentlich, wir wollen ja was erleben heute abend. Mit Reverend Roosen, der Rollkragen trägt und einen schwarzen Leder-Trench. Vor seiner Brust baumelt an einer langen Kette ein Totenkopf mit blinkenden bunten Steinchen. Passt, das Outfit: Mit dem Mantel könnte er in jedem St.Pauli-Krimi als Polizist auftreten. Und so einen Schmuck-Schädel sieht man im schrecklich dezenten Hamburg auch nur hier, auf dem Kiez.
Krimitour heißt das Unternehmen, das Reverend Roosen anbietet. Ein geführter Rundgang „durch ein Jahrhundert hochkrimineller Ereignisse“, denn „die Reeperbahn und dunkle Seitenstraßen waren schon immer Schauplatz für Gewalt, Verbrechen und finstere Geschäfte.“

Da wird uns schon wärmer. Erst recht, als dann ein Spieler, der schwer mit seinen Schulden in Rückstand war, im Kugelhagel stirbt, diverse Hälse durchgeschnitten werden und eine gar nicht fürsorgliche Mietmutter die ihr anvertrauten Kinder im Ofen ihres Wohnzimmers entsorgt. Als ein Hackebeilchen geschwungen wird und Zuhälter ihre Revierkämpfe nicht mehr mit Fäusten, sondern mit Knarren austragen. Oder sogar noch in der Schmuckstraße, dem Transen-Strich, wo wir hören, dass hier einst eine kleine Chinatown bestand, was natürlich nicht ohne Opiumhöhlen abgehen konnte – ob das Wahrheit oder Legende ist: egal, es trägt zum wohligen Kribbeln bei. Heute ist hier ein halb heimlicher Transen-Strich, und diese Schwestern, warnt Reverend Roosen, gehen so  gar nicht zimperlich auf Kundenfang. Für den Fall, dass einer später noch allein losziehen möchte.

 

Touristen erobern den Kiez
Doch ja, St. Pauli ist ein ergiebiges Krimi-Revier. Das Viertel gibt aber auch für andere Themen eine Menge her. Wir zwanzig Kieztouristen sind längst nicht die einzige Gruppe, die durch die Straßen um die Reeperbahn streift.
Als es dunkelt und der Kiez seine Nachtbeleuchtung aus Neon anwirft, was den Glamour-Faktor auf der Stelle vervielfacht, sagt Reverend Roosen eine Pause an. In der „Ritze“. Legende, Kult, Institution – all das trifft auf das schmale Lokal zu, das man durch ein Graffito gespreizter Frauenbeine betritt. Die Wände, vom Rauch von Millionen Zigaretten patiniert, sind mit Fußball- und Box-Plakaten tapeziert sowie mit hunderten Fotos prominenter Gäste: Franz „Kaiser“ Beckenbauer, Franz-Josef Strauß, der alte Spezi, jede Menge alte Bundesrepublik-West-Gesichter – und selbstverständlich dürfen Kiez-Größen wie Kalle Schwensen nicht fehlen. Nur laufen keine Pornos mehr auf dicken Röhrenfernsehern, wie in den Achtzigern, als ich hier zum ersten Mal ein Bier bestellte, sondern Bundesliga per Sky auf riesigen Flatscreens.
Der Reverend sammelt Getränkewünsche ein, damit es zügig voran geht.  Denn in der „Ritze“ herrscht Touristenstau. Mindestens drei Gruppen stehen dicht gedrängt vor der Theke, zwei weitere sammeln sich bereits vor der Tür. Der Besuch im Boxkeller im Untergeschoss muss praktisch wie auf dem Rangierbahnhof geregelt werden. Denn in der „Ritze“ kann man heute ganz unschuldig einen Blick hinter die Kulissen des Verruchten und Halbseidenen riskieren. Jugendfrei und schon fast familientauglich.

Reverend Roosen an der Theke der “Ritze”. Pausenbier.

Die Ritze. Die Tür ist zwischen den Frauenbeinen

Club de Sade: Tabu war gestern
Hier begegnen wir auch zum erstenmal Eve Champagne: „Burlesque Queen“, wie sich die Stripperinnen heute zeitgemäß nennen. Oder wie sie selber es formuliert: „Die geilste Rampensau der Republik.“
Nun hat Eve ebenfalls eine Gruppe im Schlepptau, und in der Erichstraße laufen wir ihr wieder übern Weg. Dort logiert der Club de Sade. Ein eingeführtes Etablissement für Peitschen und Fesseln, Dominas und Lustsklavinnen, Europas ältester SM-Club. Sieht zwar sehr verschlossen aus um diese Zeit, aber hinter den Türen: oh la la. Erzählt zumindest Eve Champagne vor der Tür – der Reverend hat uns Krimigänger an dieser Station gleich an sie weiter gereicht. Es müssen ja nicht zwei Guides dasselbe reden. Gesteigertes Kribbeln und Staunen in der Runde, erst recht, als Eve Champagne ankündigt, dass man auf solchen Führungen den Club den Sade bald auch von innen wird bestaunen können. Das versuche ich mir nun einen Moment bildlich vorzustellen: Wie eine Busbesatzung aus Wanne-Eickel in grauen Windjacken das SM-Interieur und die Separées begutachtet. Während … aber nein: Hinein wird man nur vor den Geschäftszeiten dürfen.

St. Pauli – das Freilichmuseum
Noch ein letzter Schlenker zum Hafen, dann endet unsere Tour. Zeit für ein After-Hours-Bier mit dem Reverend. Im „Silbersack“ stehen sie bis zur Tür, aber gegenüber haben wir eine ganze Bar für uns. „Klar“, sagt er, „St. Pauli wird immer mehr zu einem Museum.“ Vor 23 Uhr sei der Kiez „voll mit Touristen“. Besuchergruppen ziehen zu Dutzenden durchs Viertel, angeführt von Hummel Hummel, Olivia Jones, Inkasso-Henry. Alles buchbar, hübsch verpackt und gut organisiert. Ein boomendes Business.
Hamburger Party- und Clubgänger wissen, dass man am Wochenende nicht mal vor ein Uhr morgens aufzuschlagen braucht. Der Kiez ist schon lange nicht mehr nur Amüsiermeile, Party-, Club-, Musikszene, käuflicher Sex und Absturzzone. Er ist auch eine gigantische Attraktion, eine einmalige Kulisse
Mal abwarten, ob St. Pauli auch künftig „Schauplatz für Gewalt, Verbrechen und finstere Geschäfte“ sein wird. Damit der Reverend weiter genug Stoff vorfindet, um seine Krimi-Geschichte fortzuschreiben.

Info: Die Tour wurde ermöglicht durch rent-a-guide.net; dort ist die Krimitour auch – hier – buchbar. Die Bochumer Agentur bietet das größte deutschsprachige Buchungssystem für Touren, Ausflüge und Führungen weltweit – derzeit sind 2180 Angebote in über 68 Ländern auf fünf Kontinenten online buchbar. Aktuell sind 700 Tourguides und Incoming-Agenturen registriert, es gibt Kooperationen mit berlin.de, koeln.de, Hamburg.de. und travelscout24. In der Mobile Version lässt sich mit der Funktion “In meiner Nähe” anzeigen, welche Stadtführungen im näheren Umfeld angeboten werden.

Reverend Roosen betreibt das informative und unterhaltsame Portal reeperbahn.de – wer dort ein wenig herumklickt, findet ihn auch unter seinem bürgerlichen Namen.

Infografik: Wie weit, wie lange, wie gut reise ich mit 100 Euro?

Unter den Mails, die täglich in meinem Tourististan-Postfach aufploppen, war heute eine Mail von Barbora von Tripomatic. Ich finde sie so interessant, dass ich sie gern hier reinstelle. Die Tripomatic-Leute haben die Preise für Unterkünfte, Essen, Transport und Eintritte an 42 Destinationen gesammelt, gegeneinander gestellt und dann ausgerechnet, wie weit man am jeweiligen Ort mit 100 Euro so kommt. Eine Nacht in New York kostet danach soviel wie 7 Übernachtungen in Kuala Lumpur. Ein Mineralwasser in Rom reicht für ein Abendessen in Bangkok, usw.

Ich mag diese Infografiken – sie sind wie knallbunte Wissenswiesen, zum Umherstreifen, mit den Augen.

Allez Ciao: Letzte Blicke auf Korsika

Wie es sich auf Korsikas Bergstraßen fährt, habe ich hier kürzlich ja schon geschildert. In den korsischen Städten fährt es sich wie auf dem Bild. Bastia, Ajaccio, Calvi, Bonifacio – überall sind die Straßen verstopft. Von morgens bis abends. Französische Straßen verstopfen allerdings anders als unsere. Auf den ca 20 Kilometern von Bastia-Zentrum zum kleinen Flughafen hielt mich keine einzige Ampel auf. Es geht durch einen Rond-Point nach dem anderen und selbst wenn du glaubst, jetzt geht gar nichts mehr: es geht immer was. Es rollt. Ein wenig. Du kommst voran, langsam, im Kriechgang, aber du fährst. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es in Bastia mit Ampeln an jeder Kreuzung aussehen würde. Ich schätze: der tägliche Kollaps.

Ich bin in dieser Nicht-mehr-hier-aber-auch-noch-nicht-auf-der-Rückreise-Stimmung. Der Mietwagen ist zurückgegeben, ich sitze am Flughafen Bastia und habe vor dem Kofferabgeben zwei Stunden zum Totschlagen. Der Flughafen besteht aus einem Terminal, in dem an alles locker in einer Minute zu Fuß erreicht. Davor ein Parkplatz und gegenüber flache Hallen mit zwei Autovermietungen. Voilà. Eine dieser Zwischenwelten – nicht mehr die Insel, noch nicht die Reise. Gleich wird ein kräftiger Regenguss auf sie niedergehen.

Trotzdem hatte ich selten so wenig Bock auf das Ende einer Reise. Meistens freue ich mich zwar nicht auf die Rückreise. Aber es ist okay, irgendwie. Viel erlebt und unternommen, interessante Menschen gesprochen, tausend Bilder im Kopf. Dieses Mal war die Reise einfach zu kurz. Korsika zog noch an mir.

Dann schlendere ich herum und da steht dieser Gedenkstein. Das Bild lässt eine ganze Reihe von Erinnerungen losrattern: Saint-Exupéry, Kult-Autor der französischen Nachkriegsjahre. Le Petit Prince, ein Märchen, das ein grelles Licht auf die Realität warf, weil die Realität so gar nicht märchenhaft war (niemals ist, niemals sein kann). Von hier startet der Aufklärungspilot zu seinem letzten Flug. Ziel war Grenoble. Saint-Exupéry kam nie dort an. In den Jahren darauf wurde viel spekuliert über seinen Tod: Abschuss durch die deutschen Besatzer? Unfall? Selbstmord gar?

Genau der richtige Anblick für eine melancholische Abschiedsstimmung.

Korsika: Lieber Freund Tourist! Arme Säcke, ihr Touristen!

Man sieht sie noch recht häufig auf Korsika: Hôtel des Touristes. Hôtel du Tourisme (auch hier). Hôtel des Étrangers. Meist in Dörfern oder Kleinstädten, wo sie früher das einzige Haus am Ort waren, in dem Reisende Herberge fanden. Früher, als das Wort Tourist noch einen gänzlich anderen Klang gehabt haben musste. Touristen, das waren Menschen, die einige Beschwernisse auf sich nahmen und einen gehörigen Aufwand betrieben, um in diese kleinen Orte zu reisen. Zur Erholung, zum Durchlüften, zum Tapetenwechsel. Touristen waren höchst willkommen. Schließlich brachten sie Geld ins Dorf. Man baute ihnen solide, gut geführte Hotels, sie sind es zum großen Teil bis heute – in ihnen abzusteigen, da kann man nichts falsch machen.

Im wunderbaren, alten Hôtel de la Poste in Aullène, im Süden der Insel, hatte der Patron Jeannot vor gut 20 Jahren Broschüren für die Gäste angefertigt, in denen er Wander-, Fahrrad- und Autotouren beschrieb. Komplett mit Skizzen und Höhenprofilen. Er legt sie Gästen gern heute noch auf den Tisch, zerlesene, mit der Zeit dunkel gewordene Hefte – mit seinen besten Empfehlungen. Seine Vorworte beginnen stets mit der Anrede: Chers amis touristes,… Kann man sich das heute noch vorstellen, mit “Lieber Freund Tourist” angesprochen zu werden?

 

Dieses Foto entstand an einem Abend in Calvi, im Nordwesten Korsikas. Plötzlich zog eine lange Schlange älterer Herrschaften durch die Altstadt. Die Rollkoffer schepperten und klackerten über das Kopfsteinpflaster. Sie waren auf dem Weg zu ihrem Hotel. Wahrscheinlich hatte man der Gruppe, offenbar eine Busbesatzung, ein Hotel im Herzen der Altstadt oder etwas in der Art versprochen. Was man ihnen nicht angekündigt hatte, war, dass sie dorthin ein paar hundert Meter zu Fuß gehen mussten, samt Gepäck. Und das mitten über die touristische Hauptmeile des Städtchens. Es war ein Spießrutenlauf. Ihr Weg führte durch ein Spalier arroganter Verkäufer von Touristennippes und Fast Food. Vorbei an Caféterrassen, auf denen andere Touristen bei einem späten Cappuccino oder einem Aperitif saßen und die kofferziehenden Neuankömmlingen feixend und hämisch begafften. Damit hatte diese Reisegruppe nicht rechnen können: Dass man sie fast offen auslachen, mit höhnischem Grinsen auf ihrem Weg begleiten würde.

Als sich der Zug vor dem Hotel staute, waren die guten Leute fertig mit den Nerven. Gut 50 Gäste auf einen Schlag einzuchecken, das dauerte. So blieben sie stehen wie auf einer Präsentierbühne. Wortwechsel zischten hin und her. Von hinten wurde gedrängelt, was die Situation nicht besser machte. Man konnte die Entrüstung und die Empörung über diese demütigende Anreise mit den Händen greifen.

Vom cher ami touriste zum verspotteten Kofferschlepper – auch eine Geschichte des Reisens.

Korsikas Bergstraßen: einfach tierisch

Autofahren auf Korsika, da darf man sich auf Überraschungen gefasst machen. Die Insel ist im Grunde ein einziges Gebirge, das aus dem Meer ragt, und deshalb fährt man auch, sobald man die Küstenstädte verlässt, praktisch nur noch auf Bergstraßen. Auf meist sehr schmalen Straßen mit, wie die Chinesen sagen: 10.000 Kurven. (10.000 war im klassischen China die Formel für Unendlich.) Dort können die überraschenden Begegnungen drei Formen annehmen: 1. Ungestüme Jungmänner, die dir in aufgemotzten Kleinwagen entgegen rasen und grundsätzlich jede Kurve schneiden. 2. Touristen, die in nervenaufreibender Langsamkeit vor dir her gondeln, 2a. weil sie natürlich völlig zu Recht die Aussicht genießen wollen oder aber 2b), weil sie sich nicht trauen, schneller als 26 km/h zu fahren. Gern auch in Wohnmobilen, und wenn du so einen vor dir hast, weißt du: bis zum nächsten Abzweig, also in etwa einer Stunde, wirst du hinter dem hängen bleiben.

Dann aber 3. Tiere. Die Korsen sind berühmt für ihre chochons sauvages, frei umherschweifende Schweine. Lest es nach bei Asterix auf Korsika. Die geben köstliche Würste und Schinken ab, aber bevor das soweit ist, dürfen sie, was Touristen auch gern tun: die Landstraßen bevölkern. Allein, zu Zweien oder in ganzen Rotten.

Die Sau, die sich den Mittelstreifen als Schlafplatz ausgewählt hatte, zuckte nicht mit den Ohren oder mit sonstwas, als ich ganz langsam und vorsichtig um sie herum fuhr. Könnte ja jeder vom continent einfach daher kommen.

Der junge Stier war so, wie Kühe hier immer sind. Wahnsinnig neugierig, einerseits. Aber auch sehr missstrauisch. Es reicht schon, die Autoscheibe herunterzulassen und Kühe drehen dir ihr Hinterteil zu. Non, gleich so vertraulich werden, das ist nicht ihre Art. Bei ihm siegte aber die Neugier.

Ziegen schauen hingegen nur kurz hoch und versenken sich dann sofort wieder in ihre Lieblings- und Dauerbeschäftigung: Kräuter knabbern. Das war auf etwa 1200 Meter Höhe – und es duftete intensiver und köstlicher als in jedem Kräuterladen, den ich in meinem Leben bisher betreten habe.

Aber natürlich ziehen sich zum Schlafen diskret von der Landstraße zurück. Ein paar Meter.

Er hier wollte mich dagegen ganz aus der Nähe kennenlernen beschnüffeln.

Und er ebenso:

Korsika: Cédric, Spezialist für Bäume. Und für Spaß.

Unter Öko, oder wie sie sagen: Eco verstehen Franzosen etwas völlig Anderes als wir. Zumindest im Tourismus. In einer deutschen Öko-Lodge würden wir Graubrot zum Frühstück erwarten, Eier von glücklich im Hof scharrenden Hühnern, eine stattliche Auswahl von Kräutertees und eigenhändig auf links gedrehten Joghurt. Wir gehen allenfalls barfußwandern, zur Schonung unseres CO2-Fußabdrucks und danach zeigen wir den Kindern auf umweltpädagogisch einwandfreie Weise: Nun, liebe Kleine, wir haben die Erde nur von euch geborgt, wir sind nur Gast hier, deshalb arbeiten wir jetzt mal brav an unserer Atemtechnik. Schön, wer’s mag.

In der Ascoa Ecolodge gibt es hingegen weder eine Kräuterspirale im Garten noch einen Komposthaufen. Soweit ich sehen konnte, darf Regenwasser einfach in die Erde fließen statt zum Autowaschen aufgefangen zu werden. Keine Ahnung, was sie mit dem Müll machen, wahrscheinlich holt ihn jeden zweiten Tag der service des déchets ab. Hier trifft man keinen einzigen So-retten-wir-die Natur-die Welt-und-das Universum-Apostel. Sie leben hier eher nach der Devise: Natur? Aber da kann man sich doch richtig gut amüsieren!

Dafür gibt es Cédric. Er war mein moniteur, als ich die Lodge besuchte. Sie hatten mich zu einer activité eingeladen. Was genau das werden würde, konnten sie mir noch nicht sagen. So wurde ich mit dem Satz begrüßt: “Le canyoning, tu aimes ça?”

Canyoning, hm. Ich muss gestehen, ich halte mich eigentlich fern von Sportarten, die a) eine Mordsausrüstung erfordern und b) auf -ing enden. Ich finde, einen Berg hinauf zu steigen und wieder runter, das ist als Sport nicht zu toppen. Aber wer wird eine Einladung von  sympathischen jungen Franzosen schon abschlagen?

Wir sind elf, eine Gruppe junger Österreicher, zwei französische Pärchen und ich. Wir bekommen jeder einen Wetsuit, ein Hüftgeschirr, einen blauen Latz, den wir uns um dem Hintern schnallen, und einen roten Helm. Cédric führt uns – noch in Badeklamotten – gut 20 Minuten durch pieksende Macchia einen steilen Hang hinauf, dann sind wir da: am Canyon de Barquette. Wir zwängen uns in die Neopren-Anzüge und zurren alles fest. Das Programm, das Cédric stets auch in jenes lustige Englisch übersetzt, das Franzosen so sprechen, ist leicht zu verstehen. Wir steigen jetzt da runter, zwei Stunden lang. Dabei werden wir 1. durch Felsröhren rutschen, 2. von Felsen springen und 3. uns abseilen.

Cédric hält Wort, was den Spaß anbelangt. Er gehört zu jener Spezies von Guides, zu der man sofort Vertrauen fasst. So souverän, so cool, so entspannt kümmert er sich um uns. Und dann seine Erscheinung: Dünn und dabei muskulös, drahtig und sehnig. Ein Gesicht aus Knochen und Bartwuchs und ruhigen, hellen Augen.  Der Mann ist eine Mischung aus Bergziege und Bachforelle, wie sich dann zeigt.

Auf der Anfahrt hat er mich in seinem uralten Jeep mitgenommen, in dem er die Ausrüstung transportiert. Nach ein paar Aufwärmfragen beginnt er zu erzählen. Dass er als saisonnier hier arbeitet, jeden Sommer drei Monate lang. “Als ich vor sieben Jahren zum ersten Mal nach Korsika kam, habe ich mich auf der Stelle in die Insel verliebt.” Dabei stammt er aus einer auch nicht gerade hässlichen Region: aus Chambéry in Savoyen.

Cédric arbeitet in drei Jobs. Wenn er nach der Sommersaison “nach Frankreich”, wie sie hier sagen, zurückfährt, verdient er sein Geld als spécialiste des arbres. Das ist eine Kombination aus Holzfällen, Baumbiologie und Forstwirtschaft. Gelernt hat er das in der Praxis. Dann in vielen Fortbildungen. Er absolvierte Kurse, Seminare, Erwachsenenbildung. Er klettert im Winter, auch bei Schnee und Minusgraden, auf Bäume, untersucht sie auf Krankheiten, nimmt Proben – und er legt fest, mit welcher Technik der Baum gefällt werden muss. “Es ist eine sehr harte Arbeit. Sehr hart”, sagt er. “Aber ich arbeite immer draußen. Ohne die  Natur …” Er lässt den Satz offen.

Ein Holzfäller als Eco. Ein sehr handfestes, pragmatisches Verhältnis zur Natur. Doch der Natur unglaublich nah. Und wahrscheinlich ungleich effizenter und sinnvoller als Bäume zu umarmen. Für Mensch und Natur.

Zu Gute kommt Cédric dabei sein dritter Job: Kletter-Lehrer. Damit will er nun weitermachen, sich zum Bergführer diplomieren lassen.

Gelassen und ruhig lotst uns Cédric den Canyon hinab. Es ist tatsächlich der versprochene Spaß. Wir sausen im Fallwasser durch enge, spiralige Felsröhren, springen aus drei, vier, fünf Metern Höhe in Gumpen – “un, deux, trois – go!” – und am Ende lässt er uns am Seil eine cascade hinab, einen etas 15 Meter hohen Wasserfall. Nach zwei Stunden strahlen die Gesichter, die anfangs noch gespannt und konzentriert waren, nur noch. Und alle sind sehr durstig.

Voilà, so etwa geht Eco à la française.

Korsika: Die Geschichte lebt

Eigentlich bin ich ja auf die Insel gekommen, um mir neue Dinge anzuschauen. Auch von Reisejournalisten will ja im Grunde keiner wissen, wie das früher so war, jedenfalls nicht ausschließlich. Und nun stehe ich hier ständig vor Deja-Vus. Vor Bildern, die ich für ausgestorben hielt. Vergangen, vorbei, Geschiche.

Vor Autos, die wir früher mal fuhren – die aber garantiert nie so poliert und gepflegt ausssahen, auf Autowienern hatten wir nun wirklich keinen Bock (bis heue nicht):

Auf Schilder, die uns Französisch beibrachten – was haben wir uns im Franz-Unterricht beömmelt, wenn einer aus dem Urlaub zurück kam und ein Foto von diesem legendären Spruch mitbrachte. Und wenn der Französisch-Lehrer mal wieder superpingelig auf einer Grammatikfrage herumritt, subjonctif du passé oder so, skandierte die ganze Klasse im Chor: un train …

Dann geriet ich in Calvi ins Grand Hotel, Original Sechzigerjahre-Stil. Kein Ahnung, wann ich sowas zuletzt gesehen habe: In jeder Etage stehen vor den Aufzügen beleuchtete Vitrinen. Mit Reisebedarf und Souvenirs, die der weltgewandte Reisende sich selbstverständlich im Hotel zulegt statt sie von zu Hause mitzuschleppen. Todschicke Sonnenbrillen, Parfüms und Seifen, super cooles Zeug über Hollywood samt Filmklappen – und weil die Vitrine ja voll werden muss, hat man halt ein Weinfässchen dazu dekoriert (sonst ist das Haus tipptopp, wie mein Onkel es gern ausdrückte, mit großen, kühlen Zimmern, französischen Fenstern und einer schwungvollen Dachterrasse mit Hafen-, Stadt- und Meerblick):

Endgültig die Tränen wären mir aber fast bei diesem Anblick gekommen:

Ich glaube, dieses Zugmodell habe ich zuletzt 1988 in Sizilien gesehehn Oder war es im “Pate II”? Ich hatte in diesem Augenblick sogar den Geruch in der Nase. Das von der Sonne aufgeheizte Metall, festgebackener Schweiß und diese Art Luft, der fast vollständig der Sauerstoff entzogen wurde.

Es gibt auch noch einen netten, kleinen Bahnhof in Calvi, hübsch verlottert, und er hat immerhin zwei Bahnsteige:

Korsika, Anreise: Mein Koffer und ich genießen Paris

Von Hamburg nach Korsika fliegt Air France via Paris. Naturellement. Mir haben sie volle acht Stunden Aufenthalt spendiert. Sehr schön, freut sich der Passagier, mal wieder Pariser Luft schnuppern.

Erste Frage beim Kofferabgeben deshalb: Sie checken das doch durch bis…?

“Ah, Sie wissen nicht, dass Sie Ihr Gepäck in CDG mitnehmen und in Orly wieder einchecken müssen?”

“Eh, nö. Aber ich dachte bei acht Stunden bis zum Anschlussflug…?”

Ein sehr entzückendes Kopfschütteln. “Das kann ich leider nicht machen. Wir haben dort kein Netz. Ihr Koffer würde stehen bleiben.”

Das möchte ich mir lieber nicht vorstellen. Mein Koffer dreht einsam ewige Runden auf einem Gepäckband. Auf einem der five worst airports of the world. Hat doch neulich wieder eine Umfrage ergeben, wenn ich mich nicht irre.

Tja, la Grande Nation. Das wunderbare Paris. Aber kein Netz für Koffer.

Wir haben dann doch noch ein Plätzchen gefunden, wo er den Nachmittag verbringen konnte. Warm und trocken.

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Korsika, eine Recherchereise: Mon Dieu, hab ich alles?

Gefühlt ist es die 347. Recherchereise, aber am Vorabend des Abflugs fängt die gleiche Frage an in meinem Kopf herum zu kreisen wie immer: Hab ich alles? Gefühlt habe ich dann 98 Prozent zusammen. Liste durchgegangen, abgehakt, gepackt. Doch der Rest ist das was nervt, wenn du es vergisst. Der Kleinscheiß. Das, was du in Seitentaschen stopfst oder was irgendwie noch ins Handgepäck muss, nachdem dieses schon wieder mal dreifach so voll ist wie beabsichtigt.

Also, was vergesse ich mit Vorliebe?

Visitenkarten? Visitenkarten – ha, schon in der Tasche.

Batterien, vor allem die kleinen für den Kopfhörer!

Adapter. Wo ist der blöde Adapter? Was haben die überhaupt für Steckdosen dort auf der Insel? Quatsch, Adapter gibts auf dem Flughafen. Apothekenpreise dort, doch was soll’s. Naa-hii. Da isser ja. Wer hat ihn in diese Grabbelkiste geworfen, in der er nichts verloren hat? Du selber?

Taschenlampe. Hast du jemals gebraucht? Schleppst du immer mit, die kleine MagLite und packst sie nach der Reise unbenutzt wieder aus. Trotzdem. Wiegt ja nix und nimmt keinen Platz weg.

Guides, Bücher, Straßenkarte: klar. Apps: klar.Was war mit den Kamera-Akkus? Da liegen sie. Und das Ladeteil?

Das Ladeteil. Jetzt ist der Moment da, wo etwas nicht stimmt. Das Ladeteil hängt IMMER an der Steckdose unterm Schreibtisch, an dem auch der Drucker und der Mac angeschlosssen sind. Nur ist es nicht da. War da nicht was? Hattest Eine dieser genialen Adhoc-Eingebungen, als du von der letzten Reise zurückgekehrt bist? So in der Art: Man könnte das Ladegerät doch mal woanders ablegen. An einer garantiert praktischen Stelle. Wo ich es blind wieder finde.

Ok, und drei Wochen später ist es: WEG. Nicht zu finden. Nicht im Zimmer, nicht in der Wohnung, nicht in Koffern oder Rucksäcken oder Umhängetaschen. Oder oder. Weg, verschwunden, pulversisiert. Ist es natürlich nicht. Hält sich irgendwo versteckt. Schaut mir zu, wie ich alles aufziehe, durchwühle, auf den Kopf stelle. Und lacht sich schlapp.

Und nun? Wirst du die sieben Stunden in Paris zwischen Ankunft auf CDG und Weiterflug in Orly damit verbringen, ein Ladeteil zu besorgen. Da kommt schon mal keine Langeweile auf.

Sonst? Voilà.

Digitales Handwerkszeug.

:-)

 

Analoges Handwerkszeug.

 

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